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Interview:Corinna Harfouchspielt Magda Goebbels in Der Untergang |
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Corinna Harfouch

Die Famile Goebbels 1944 ...

und die Film-Familie


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Wie kamen Sie zur Rolle der Magda Goebbels?
Ich habe mich um diese Rolle beworben und Probeaufnahmen angeboten. Mir war selber nicht ganz klar,
warum ich diese Rolle unbedingt spielen wollte – abgesehen davon, dass es für mich die interessanteste
Frauenfigur in diesem Film ist. Mich interessierte wohl einfach die Frage, wie es sein kann, dass in
solchen fanatischen Denksystemen so natürliche Dinge wie Mutterliebe und Beschützerinstinkte einfach
ausgehebelt und von irgendwelchen nebulösen Todesgedanken und schwülstigen Welten in ihr
seltsames Gegenteil verkehrt werden. Ich persönlich vermute, dass es sich um eine permanente
Auseinandersetzung mit dem Nazi-System und dem System aus dem ich komme, handelt. Wenn man
es auf die Spitze treibt, dann ist Magda Goebbels prototypisch für einen Menschen, der sich in einer
Diktatur am wohlsten fühlt.
Beschreiben Sie Magda Goebbels bitte noch etwas näher.
Wirklich wohl gefühlt hat sie sich ihr ganzes Leben nicht. Aber Menschen, deren Leben unschöpferisch
und unsicher ist, die dazu neigen, sich einem Führer anvertrauen zu wollen, weil dieser Führer sie
eventuell von ihrem eigenen, ungeliebten Ich wegführt und ihnen auch jede Verantwortung abnimmt –
dieser Innenhohlraum, diese Leere, dieses Nicht-Gestalten-Können des eigenen Lebens, dafür ist sie ein
Prototyp. Sie ist in ihrem Inneren ein von sich enttäuschter und ängstlicher Mensch; dabei hatte sie viel
gelernt, konnte drei Sprachen, Konversation, war sozusagen intelligent – aber das waren alles nur
Vehikel, um sie von ihrer kleinbürgerlichen Herkunft fortzubringen.
Das Seltsame oder Folgerichtige an dieser Frau ist ja, dass sie drei große Lebensüberschriften hatte,
dreimal einen völlig anderen Ansatz, den sie dann vollständig abgeschlossen hat: Einmal hatte sie einen
zionistischen jüdischen Freund, auch eine Führernatur, den sie als junges Mädchen geliebt hat und dem
sie folgen wollte. Das wurde beendet, und es war nie wieder die Rede von diesem Mann. Danach war
sie mit Herrn Quandt verheiratet, sozusagen der Versuch, ins Großbürgertum einzusteigen. Dann kam
der Nationalsozialismus, anfänglich wahrscheinlich noch die kreativste, pseudo-schöpferische Phase in
ihrem Leben, die etwas in ihr bewegt hat. Und da wurde sie brutalst zurückgestoßen, vor allem von
Goebbels und der ganzen Ideologie – keine Frau durfte in diesem System irgendeine Art von Funktion
haben; also hat sie diese Kinder bekommen, in diesem und für dieses System, weil sie auf keinem
anderen Weg irgendwer sein konnte. Und deshalb ist es ihr wohl auch möglich gewesen, diese Kinder
auf eine ganz selbstverständliche Weise mit in den Tod zu nehmen, denn sie betrachtete sie als einen
Teil von sich und des jetzt untergehenden Systems.
Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?
In meinem ganzen Leben habe ich mich immer wieder mit dieser gesamten Thematik befasst; schon als
Kind habe ich ein Buch über die KZ-Aufseherinnen von Ravensbrück in die Hand bekommen. Vielleicht
war ich dafür zu jung, denn es hat mich in einen vollkommenen Schock versetzt und viele Ängste in mir
ausgelöst, darunter die Frage, was ich tun würde, wo ich stehen würde. Dann komme ich ja aus der DDR,
ich habe mir schon gewünscht, ein Held zu sein, d.h. ein Kommunist – und ein Kommunist kommt auch
ins Gefängnis, wird gefoltert – höchstwahrscheinlich würde ich alle verraten, und dieser Gedanke hat
mich in meiner Kindheit schrecklich traumatisiert. Auch jetzt habe ich mich ein halbes Jahr lang nicht
getraut, etwas anderes als Material zu Magda Goebbels zu lesen, habe sie rundherum eingekreist, über
Fanatismus nachgedacht.
Und dann haben Sie sich ein Konzept für diese Figur zurechtgelegt?
Dass man unwahrscheinlich viel weiß und ein Konzept hat, das ist die eine Sache. Wenn man aber dann
an den Drehort kommt, ist alles ganz anders, da muss man ganz konkret einfach die Szene drehen, da
ist das Wissen manchmal hilfreich, manchmal gar nicht. Ich kann trotzdem nicht anders arbeiten – auch
weil mir die Vorbereitung und das Wissen soviel Spaß macht. Wenn man sich vorstellt, wie man etwas
spielen will, stellt man sich prinzipiell vor, man steht im Fokus der Szene – und das ist Magda Goebbels
in vielen Fällen gerade nicht; die Hauptarbeit besteht also darin, auf die Chance zu warten, etwas in der
Figur darzustellen.
Welche war Ihre schwierigste Szene?
Natürlich die Szene, in der ich den Kindern den Schlaftrunk gebe. Da laufen Prozesse ab, ganz
unabhängig von einem selbst, das war spannend zu beobachten. Man kann nur staunend von außen
zuschauen, wie es sich entwickelt. In diesem Fall war es so, dass ich das eigentlich nicht drehen wollte.
Ich hätte nie gedacht, dass dieser Tag wirklich kommen würde, an dem ich diese Szene drehen musste.
Ich war vollkommen dünnnervig.
Lernt man daraus etwas fürs Leben – als Frau, als Schauspielerin?
Das Wichtigste als Schauspielerin ist die gedankliche Vorbereitung – so habe ich das Gefühl, dass ich
einiges mehr weiß vom Leben, den Frauen, dem Mutterdasein, über Automatismen, von Klischees. Man
wird sich darüber klar, dass unter allen Tierarten die Menschen offensichtlich die einzigen sind, die ihre
eigene Art vernichten. Keine andere Tierart tut das; im Sinne des Überlebens ist die menschliche Rasse
die allerdümmste. Man kommt also zu solchen Erkenntnissen, die nicht schön sind, aber das verschafft
einem zeitweise Linderung und einen Überblick über die Abläufe in der Welt, und man fühlt sich auf
einmal ganz geborgen in einer Sicherheit des Wissens. Das vergeht dann wieder, verflüchtigt sich, das
ist klar, der Himmel ist halt nicht immer offen.
Welche Hoffnung verbinden Sie mit dem Gesamtprojekt?
Es müsste eigentlich jeder wissen, dass wir auf dem Boden der Geschichte stehen, und wenn wir das
ignorieren, dann sind wir schlecht beraten. Es geht um einen gravierenden Punkt in der deutschen
Geschichte, und wenn wir den vergessen, ist das schlecht für uns alle, weil wir dann ein kollektives
Trauma nicht bearbeiten, nicht beseitigen – und auch niemals weiterkommen werden als Volk. Mit
diesem Film verbinde ich die Hoffnung, dass es dann irgendwie endlich vorbei ist, dass es dann mal gut
ist damit, dass es mich nicht mehr mit Angst, Schrecken und Entsetzen erfüllt, sondern dass ich es als
einen Punkt in der Geschichte nehmen und ein Teil meines Inneren dann weitergehen kann.
Es findet also eine Bewältigung statt?
Ja, genau. Das finde ich für uns alle, besonders für die jungen Leute wichtig. Deshalb muss man immer
wieder mit dem Finger draufzeigen – und was dieser Film beschreibt, ist ja ein unglaublich
apokalyptischer Moment, der extremste Ausdruck, wie alles absolut zerfällt und sich entblättert als
gruselige, schreckliche Blase, die wie eine Jaucheblase platzt und die Welt und den Boden vergiftet. Sich
das alles noch mal klarzumachen finde ich ausgesprochen wichtig für uns alle.
Quelle: Constantin
023
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