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Interview:Bernd EichingerProduzent von Der Untergang |
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Bernd Eichinger
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Wie ist dieses Projekt zustande gekommen?
Der Ausgangspunkt für diesen Film war der Vorabdruck von Joachim Fests Buch "Der Untergang", den
ich damals im Spiegel las. Ich hatte mich seit über 20 Jahren mit dem Dritten Reich beschäftigt. Wie
konnte es überhaupt zu einer solchen Hysterie in der Ära des Dritten Reichs kommen? Wie konnten sich
Leute, die sonst ganz normal funktionierten, plötzlich so hinreißen lassen? Wie konnte solch ein
Massenwahnsinn überhaupt entstehen? Ich habe versucht, diese Thematik zunächst nur für mich selbst
zu ergründen. Einen Film darüber zu machen, erschien mir unmöglich.
Und dabei hat Ihnen das Buch "Der Untergang" schließlich geholfen?
Das Buch von Joachim Fest gab mir sozusagen den dramaturgischen Schlüssel. Die Besonderheit des
Buches liegt darin, dass es sich tatsächlich nur mit den letzten Tagen des Regimes beschäftigt – also
nicht mit den letzten Tagen Hitlers, sondern des Regimes. Es wird klar, dass diese Maschine der
Zerstörung noch nicht einmal dann zum Stillstand kam, als die Kraftquelle schon abgestellt, also Hitler
bereits tot war – obwohl der Verstand den Beteiligten hätte sagen müssen, dass das alles keinen Sinn
machte und nur zu weiterer Zerstörung und Hunderttausenden zusätzlichen Toten führen konnte. Dieses
Phänomen der letzten Tage erzählt viel darüber, wie dieser Massenwahn auch schon in den früheren
Jahren funktioniert hat, wie sich die Leute gegenseitig sediert haben, die Dinge in einer Art – ich kann es
nicht anders nennen – Massenverrücktheit immer weitergetrieben haben, und wie sie auch in den letzten
Tagen genau das wiederholt haben, was seit 1933 die Symptome des Regimes gewesen waren.
Im Film DER UNTERGANG wird ja nicht nur eine Art NS-Mikrokosmos beschrieben ...
Der Film beschreibt keinen Mikrokosmos, sondern in epischer Form einen Endzustand wie ein Zeitraffer.
Ein Zeitraffer der genau das aufgezeigt, was in den ganzen zwölf Jahren des Hitlerregimes stattgefunden
hat. Das war der Auslöser für den dramaturgischen Ansatz. Mit meinem Drehbuch habe ich versucht,
etwas über das gesamte Regime zu erzählen, allerdings auf einen Zeitraum kondensiert, den man in den
Griff kriegen kann. Dabei findet man natürlich immer wieder neue Elemente, aber nie die endgültige
Antwort.
Wie gültig kann man denn die Stimmung in jenen letzten Tagen überhaupt beschreiben?
Ich denke, man kann sich der Sache von vielen Seiten nähern. Es geht ja auch darum, wie die Menschen
jene Ereignisse empfunden haben. In diesem Zusammenhang ist es auch nicht unwichtig, dass etwa zur
selben Zeit ein anderes sehr wichtiges Buch heraus kam. Nämlich die Aufzeichnungen "Bis zur letzen
Stunde" von Traudl Junge, Hitlers Privatsekretärin – redigiert von Melissa Müller. Mit Traudl Junge hatte
ich auch meine Hauptfigur im Film gefunden.
Viele sind damals Hitlers charismatischer Ausstrahlung erlegen.
Vielleicht, aber die meisten dieser Leute haben bis zum bitteren Ende an ein Wunder geglaubt. Sie
dachten, sie dürften diesem Wunder nicht Einhalt gebieten. Das war eines der Dinge, die Hitler
besonders gut beherrschte: den Leuten zu vermitteln, dass er alles im Griff hat, auch wenn die Situation
aussichtslos scheint. Er äußerte sich ja nicht nur über die Kriegslage, sondern sagte auch Sätze wie: "Es
ist eigentlich ganz gut, dass die deutschen Städte in Schutt und Asche liegen, das wird den
Wiederaufbau beschleunigen, es muss nur noch der Schutt weggeräumt werden."
Und das zu einer Zeit, in der das Ende doch für die meisten durchaus schon absehbar war.
Der Film beschreibt die Zeit vom 20. April 1945, Hitlers letztem Geburtstag, bis zum 2. Mai 1945. In dieser
Zeit hätten die Menschen draußen auch irgendeine Revolution anzetteln oder sich dem Ganzen
verweigern können. Wenn das massenhaft passiert wäre, wäre die Kapitulation viel schneller erfolgt.
Aber auch das ist nicht passiert. Man hat einfach abgewartet, bis irgendjemand den Stecker zieht – aber
den hat keiner gezogen. Das ist auch Teil des Films: dass jeder innerhalb des Systems darauf wartet,
dass jemand den Schalter endgültig ausknipst. Und dass es dennoch zu großen Heldentaten kommt.
Welche Heldentaten meinen Sie damit?
Die Heldentaten der sogenannten ganz normalen Leute. Es hat mich sehr fasziniert, wie sich die
Zivilbevölkerung in dieser Situation verhalten, sich geschützt hat in diesem Krieg, in dem keine Logistik
mehr vorhanden war. Normalerweise gibt es doch bei jedem Krieg noch eine gewisse Logistik, z.B.
Lazarette, irgendeine Art von Wasser- und Nahrungsversorgung – aber das alles war ja vollkommen
zusammengebrochen, kein Mensch hat sich mehr um irgendetwas gekümmert. Auch die Armee konnte
man nicht mehr als solche bezeichnen. Es waren eher einzelne Kämpfer, die sich in Gruppen
zusammengefunden haben. Es gab keine Nahrung, kein Wasser, keinen Strom. Mich hat sehr fasziniert,
was die Menschen tun, um sich und ihre Familien über die Runden zu bringen, und was noch an
Zivilcourage, Hilfsbereitschaft und Überlebenswillen übrig geblieben ist. Deshalb habe ich im Drehbuch
auch Schicksale eingebracht und weitergeführt, die mir durch Erzählungen und Berichte bekannt
geworden waren.
Wie inszeniert man eigentlich eine historische Person wie Hitler?
Viele sagen, man dürfe jemanden wie Hitler nicht in Szene setzen, man dürfe einer Unperson kein
Podium geben. Joachim Fest und ich halten das beide für Unsinn. Man muss in der Lage sein, auch die
eigene Geschichte zu betrachten, und das geht nur, wenn man die Hauptpersonen, die diese Dinge
maßgeblich in Bewegung gebracht haben – und dazu gehört Hitler in extremem Maße – auch zeigt.
Sonst bliebe ja nichts anderes übrig, als all die Dinge im Dunkeln zu halten; man dürfte dann über die
Ereignisse der Weltgeschichte, zumindest in Europa, nicht berichten, weil man die Person, die das
angezettelt hat, nicht in einem Film betrachten dürfte.
Wenn man es dennoch tut, ist die Frage berechtigt, wie man sich dieser Figur nähert.
Ich habe versucht, in jeder mir zugänglichen Quelle etwas von dem privaten Hitler zu finden, z. B. der
Sprachduktus, den man aus seinen Reden kennt, ist natürlich völlig anders, als im Privaten. Ich habe auf
verschiedene Aufzeichnungen zurückgegriffen, z.B. die Protokolle der Tischgespräche, mitstenographierte
Privatgespräche und Lagebesprechungen, die sehr häufig stattfanden, weil er am Schluss so paranoid
war und dachte, seine Befehle würden nicht mehr befolgt oder anders ausgelegt. Es gibt auch einen
Mitschnitt, wo man ihn im privaten Kreis, im Gespräch mit Mahnstein, in einer Dialogsituation reden hört.
Aus all diesen Quellen habe ich eine Sprache für Hitler gestaltet. Außerdem habe ich ein gutes Ohr für
Dialekte, und er sprach eine Mischung aus gehobenem österreichischen und südbayerischem Dialekt:
das Gutturale mit rollendem R, nur nicht so stark ausgeprägt wie in seinen öffentlichen Reden. Diesem
Duktus kommt Bruno Ganz in der Rolle als Hitler ziemlich nah.
Gab es bei der Porträtierung von Hitler noch andere Herausforderungen?
Ihn als Psychopathen oder Spinner zu porträtieren – darin sah ich die größte Gefahr. Hitler hatte eine
enorme kriminelle und zerstörerische Energie und er war ein Barbar im ureigensten Sinn des Wortes.
Hitler war garantiert bis zum letzten Moment voll zurechnungsfähig, deshalb ist ihm die Führung bis
zuletzt auch nicht entglitten. Trotzdem war er am Schluss sehr besorgt, dass jemand möglicherweise
Giftgas durch die Lüftung in den Bunker leitet – er hat immer an ein lähmendes Gas gedacht, das ihn
handlungsunfähig macht. Das war eigentlich seine einzige große Sorge: lebend in die Hände des
Feindes zu geraten. Aber dass ihn jemand ermorden könnte, hat er merkwürdigerweise bis zum Schluss
nicht in Betracht gezogen. Es kam also überhaupt nicht in Frage, ihn etwa als Geisteskranken
darzustellen. Das ganz große Problem ist, dass Hitler kein Teufel mit zwei Hörnern war, man ihn aber
auch nicht verharmlosen darf. Vielmehr muss man die Vorgänge und Inhalte minutiös rekonstruieren, und
daraus ergibt sich ein sehr vielschichtiges Bild – so vielschichtig, wie es wohl jeder Mann ist, der sich in
einer Stresssituation befindet, wie sie extremer nicht sein könnte.
Kann man sich tatsächlich in eine solche Extremsituation hineinversetzen?
Ihm war bewusst, dass der Zusammenbruch dieser Welt und Zivilisation unmittelbar bevorstand. Die
Frage war nur: Wie inszeniert man dieses Ende? Das hat er bis zum Schluss ganz bewusst gemacht. Ich
bin davon überzeugt, dass er sicher nicht mehr daran geglaubt hat, siegreich oder auch nur mit einem
Kompromiss aus der Sache herauszukommen – das hat er nur andere Leute glauben gemacht. Er hat
mit klarem Blick auf die Historie seinen Untergang geplant. Er hat es inszeniert, und wenn man zynisch
sein will, könnte man sagen, dass er dafür der beste Regisseur war, den man sich vorstellen kann.
Hitler wollte dabei ja die ganze Welt mit sich hinabreißen.
Dieser Untergangsmythos, den er für sich selbst in Anspruch genommen hat, hat ihm nicht ausgereicht.
Er hat ganz bewusst Sorge getragen, dass die ganze Zivilisation mit ihm in den Orkus gezogen wurde.
Er wollte diesen Untergang auch wegen des größtmöglichen Effekts genau so inszenieren: nicht nur
seinen Tod, sondern den Untergang eines ganzen Volkes. So etwas schafft kein Gaukler, so etwas kann
kein durchgeknallter Abenteurer, denn es erfordert Unmengen an Energie und mentaler Leistung, dem
muss man sich stellen. Und dem stellen wir uns auch im Film ...
... was zu einer ziemlichen Gratwanderung werden kann.
Das ist ein sehr komplexes Thema. Es wäre zu einfach, zu sagen, das Liebäugeln mit großen
Untergängen, mit großem Pathos sei eine deutsche Tugend oder Untugend. Ich scheue mich, dies als
typisch deutsches Syndrom darzustellen. Vielleicht ist den Deutschen etwas anderes als dieser
Untergangssog eigen: Die Pflichterfüllung. Sie fühlen sich selbst als Verräter, wenn sie aufgeben. Man
gibt nicht auf, das tut man einfach nicht. Man beschwert sich nicht, man nimmt es hin, das ist die
Pflicht – und die Obrigkeitshörigkeit stelle ich eher als Tugend oder Untugend der Deutschen hin. Aber
mit den gleichen Voraussetzungen hätte ähnliches auch in anderen Ländern passieren können.
Was genau ist die Intention Ihres Films?
Wir haben uns vorgenommen, diesen Film in deutscher Sprache zu drehen, mit deutschen Schauspielern
und einem deutschen Regisseur. Wieso? Wenn man den Lichtkegel auf den größtmöglichen
physischen und psychischen Zusammenbruch einer ganzen Zivilisation richtet, nämlich unserer
deutschen Nation, dann muss es auch möglich sein, dass wir diese Geschichte selbst erzählen
können – und müssen. Mit anderen Worten: Man weiß ja, dass viele andere Projekte zum Thema Hitler
von den Amerikanern, Engländern etc. gerade in Arbeit oder schon abgedreht sind. Viele haben schon
in früheren Zeiten mit großen Besetzungen – sei es mit Anthony Hopkins, sei es mit Alec Guinness in der
Rolle von Hitler – versucht, sich des Themas anzunehmen. Ich finde, es ist an der Zeit, dass wir unsere
Geschichte mit den Mitteln, die wir haben, selber erzählen und den Mut aufbringen, in dieser Erzählung
auch endlich die Hauptdarsteller auf die Leinwand bringen.
Quelle: Constantin
004
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