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Interview:André HellerInterviewer in und Regisseur von Im toten Winkel |
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Die Geschichte des Holocaust stellt ihre Chronisten grundsätzlich vor das Problem der Darstellungsweise. Wie kam es zu der Entscheidung, ohne Rekonstruktionen, ohne illusionistische Mittel, ohne Musik, ohne Spielszenen zu arbeiten – sondern nur mit den Erzählungen, dem Gesicht einer Frau?
Ich komme aus der Tradition des Geschichtenerzählens, des Zuhörens, ich verlasse mich darauf, dass eine spannende Figur, die etwas Spannendes erzählt, kein Beiwerk braucht. Ich will beobachten, was ist eine Handbewegung, wie synchron ist einer mit seiner Körpersprache und der Geschichte, die er erzählt? Sagt mir sein linker Fuß, dass er wahrscheinlich lügt bei dem, was sein Mund gerade ausspricht? Ich wäre nie auf die Idee gekommen, die Frau Junge mit irgendwelchen optischen Nebenschauplätzen zu unterwandern. Wenn etwas nicht interessant ist, dann wird auch das Beiwerk es nicht erhöhen können. Dann ist es eben ein Bluff.
Waren die Fragen an Frau Junge festgelegt? Wollte sie selbst wissen, in welche Richtung die Fragen gehen werden?
Nein, ich habe gesagt, Frau Junge, ich frage Sie über Ihr Leben und Sie erzählen so viel, wie sie Kraft haben. Und sie hatte viel Kraft. Wir hatten keine festgelegten Fragen, ich hatte auch keine Fragenliste. Wir haben zu reden begonnen, wenn ich mich recht erinnere, über ihre Geburt, wo sind Sie geboren, wie war Ihre Familie... ich wusste das alles nicht. Ich habe das in diesem Gespräch zum ersten Mal erfahren. Ich hatte ihre Aufzeichnungen von 1947 gelesen, wo bestimmte Dinge nur angedeutet waren, die die Familie betreffen.
Gab es bei dieser so lückenlos scheinenden Beichte der Frau Junge bestimmte Widerstände zu überwinden?
Zunächst einmal hat die Frau Junge diese Geschichte ohne den Stress erzählt, dass das jemand anderer sehen würde. Das war mein Angebot: Wir filmen es, aber es gehört Ihnen, und Sie entscheiden, ob Sie es jemandem zeigen wollen oder nicht. Man sieht dann auf dieser zweiten Ebene – wenn sie sich selber beim Erzählen beobachtet und zum ersten Mal sieht, wie sie wirkt, wenn sie etwas erzählt – dass dann der Stress bei ihr einsetzt. Aber dieser Furor, dieser Dammbruch des ersten Erzählens... Einige wenige Kritiker haben geglaubt, die hat das auswendig gelernt, oder es sei ein sensationell vorbereitetes Stück Schauspielkunst. Aber diese Frau hat sich 55 Jahre lang in ihrem Kopf mit jedem Augenblick auseinander gesetzt, diesem für sie Verstörenden, dem als Schuld Empfundenen in der Retrospektive der Zeit. Und dann ist es plötzlich wie ein Vulkanausbruch herausgekommen. Ich musste ihr nur durch Gespräche Mut machen, dass ich nicht von der Inquisition bin, sondern ein interessierter, sie achtender Mensch. Ich hab ihr meine Familiengeschichte erzählt, die ja ganz anders ist, sozusagen das andere Ende der Leitung zwischen uns. Aber eines muss man sagen, das haben wir vorher nicht gewusst: Sie ist natürlich eine begnadete Erzählerin.
Man hat den Eindruck, dass die Frau Junge die Dinge, die sie erlebt hat, für sich sehr geordnet hat – was es ihr erst ermöglicht, eine solche Erzählung auszubreiten.
Jetzt wissen wir, dass diese Dinge geordnet waren. Weil es Zeit für sie war, zu gehen. Sie musste noch eines erledigen: das Geordnete aussprechen. Wir haben beim Interview nicht geahnt, dass sie ein paar Monate später ihren Abschied nimmt, und sie selbst hat es auch nicht gewusst – ihre Seele vielleicht, aber der Geist nicht.
Viele werden sich vielleicht fragen, warum die Frau Junge so lange geschwiegen hat, warum sie mit dieser inneren Last so lange gewartet hat, bis sie öffentlich wurde?
Sie war der Ansicht, sie ist nicht gescheit genug, um ihre eigene Geschichte zu erzählen. Sie war zwar gescheit genug, um diese Ängste zu haben, den Krebs, die endogene Depression, das alles hat sie sich zugestanden. Aber dass sie das erlöst, indem sie es erzählt, das ist ihr lange nicht in den Sinn gekommen. Ganz im Gegenteil: Sie empfand es als gefährlich. Zweitens hat sie Angst gehabt, dass sie zu einer Wallfahrtsstätte für alte Nazis wird, dass man das missversteht. Drittens: sie hat Angst vor Journalisten. Wenn ich ein Journalist gewesen wäre, dann wäre es nie zu dem Projekt gekommen.
Aus manchen Momenten des Films scheint sehr stark das Unbewusste aus der Frau Junge zu sprechen, eine bestimmte Verbundenheit mit dieser Situation, mit diesem Mann.
Mich beruhigt das eher, dass ich von der Junge etwas von der Faszination Hitlers mitkriege. Wir schulden es uns selbst anzuerkennen, dass der äußerst wirkungsvoll war. Und die Junge ist eine der wenigen, die das zugibt. Ich habe sie gebeten zu versuchen, uns das nicht mit ihrem heutigen Wissen zu erzählen, sondern wie sie das damals erlebt hat. Und da sagt sie einen komischen Satz: Dass in der Zeit der Hitler wirklich was Großes war. – Ja, das glaube ich, dass der damals was Großes war! Als sie zu ihm kam, war der Hitler eine unvorstellbar machtvolle Figur, vor der die ganze Welt gezittert hat. Dass jetzt die "kleine Humps", wie sie sich selber nennt, beeindruckt ist, wenn die plötzlich stundenlange Privatgespräche mit dem gefürchtetsten und in Deutschland zu dem Zeitpunkt geachtetsten – und teilweise auch geliebtesten – Menschen führt, das ist doch logisch.
War die Frau Junge wirklich so sehr "im toten Winkel", abgeschnitten von jeder Information über die Wirkungsweisen und Mechanismen des Dritten Reiches? Ist das nicht möglicherweise ein Selbstschutz?
Es kann sein, dass die Junge mehr gewusst hat, als sie in dem Film erzählt. Ich glaube schon, dass sie ein paar Dinge ausgeblendet hat. Gleichzeitig glaube ich aber, dass sie immer bemüht war, nichts auszublenden. Es ist ihr im Laufe ihres Lebens vielleicht nicht gelungen, sich das Ausgeblendete zurückzuholen. Das sind dann ihre eigenen toten Winkel, die blinden Flecke, die sie sich selber geschaffen hat. Aber ich glaube, in diesem Satz: "Ich bin feige gewesen, ich habe mich dem nicht gestellt, ich hätte mehr wissen sollen..." – da stecken ja solche Eingeständnisse mit drin.
Das Interview führte Stefan Grissemann im März 2002 in Wien
Quelle: Piffl Medien
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